Die Vorstellung, nachts im Schlaf von Insekten heimgesucht zu werden, löst bei den meisten Menschen Unbehagen aus. Während Bettwanzen und Stechmücken als klassische Blutsauger bekannt sind, stellt sich bei einem anderen, weit verbreiteten Haushaltsschädling oft eine drängende Frage: Beißen Schaben? Können Kakerlaken Menschen beißen? Die kurze Antwort lautet: Ja, sie können. Die ausführliche Antwort ist jedoch weitaus komplexer. Schaben sind keine Parasiten und jagen den Menschen nicht aktiv. Dennoch kommt es unter spezifischen, meist extremen Bedingungen zu Vorfällen, bei denen Kakerlaken menschliche Haut, Haare oder Nägel benagen. Dieser Artikel beleuchtet die anatomischen Voraussetzungen, die ökologischen Auslöser und die medizinischen Risiken eines solchen Schabenbisses im Detail.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Keine Blutsauger: Schaben beißen nicht, um Blut zu saugen. Sie sind Allesfresser (Omnivoren), die sich primär von organischen Abfällen ernähren.
- Anatomisch fähig: Kakerlaken besitzen kräftige, beißend-kauende Mundwerkzeuge (Mandibeln), die stark genug sind, um menschliche Haut zu durchdringen.
- Auslöser für Bisse: Bisse treten fast ausschließlich bei extremem Befall, Nahrungsmangel oder bei Lebensmittelrückständen auf der Haut (z. B. Milchreste bei Babys) auf.
- Bevorzugte Stellen: Wimpern, Augenbrauen, Fingernägel und verhornte Hautstellen (Kallus) werden am häufigsten benagt.
- Medizinische Risiken: Der Biss selbst ist nicht giftig, birgt aber ein hohes Risiko für Sekundärinfektionen, da Schaben mechanische Vektoren für Pathogene wie Salmonella und E. coli sind.

Anatomie der Mundwerkzeuge: Sind Kakerlaken physisch zum Beißen in der Lage?
Um zu verstehen, ob und wie eine Schabe beißen kann, muss man einen Blick auf ihre evolutionäre Entwicklung und Anatomie werfen. Die Ordnung der Schaben (Blattodea) existiert seit dem Oberkarbon vor etwa 300 bis 360 Millionen Jahren und hat sich anatomisch kaum verändert [1]. Im Gegensatz zu Stechmücken oder Bettwanzen, die über stechend-saugende Mundwerkzeuge (einen Rüssel) verfügen, besitzen Schaben beißend-kauende Mundwerkzeuge.
Diese Mundwerkzeuge sind evolutionär darauf ausgelegt, feste organische Materialien zu zerkleinern. Sie bestehen aus kräftigen, sklerotisierten (verhärteten) Mandibeln (Oberkiefern), die sich horizontal gegeneinander bewegen. Diese Mandibeln sind mit zahnähnlichen Strukturen ausgestattet, die es der Schabe ermöglichen, harte Substanzen wie Holz, Leder, Papier und getrocknete Lebensmittelreste abzuraspeln [2]. Die Kraft dieser Mandibeln reicht bei größeren Arten wie der Amerikanischen Schabe (Periplaneta americana) problemlos aus, um die menschliche Epidermis (Oberhaut) zu durchdringen oder Hautschuppen abzutrennen.
Warum und wann Kakerlaken Menschen beißen (Die Auslöser)
Da der Mensch nicht auf dem natürlichen Speiseplan der Kakerlake steht, bedarf es spezifischer ökologischer und situativer Auslöser, damit es zu einem Biss kommt. Schaben sind thigmotaktisch (sie bevorzugen engen Körperkontakt zu Oberflächen) und lichtscheu (photonegativ). Sie meiden den direkten Kontakt zu wachen, sich bewegenden Menschen. Bisse ereignen sich daher fast ausschließlich nachts bei schlafenden Personen.
1. Nahrungskonkurrenz und Überpopulation
Der häufigste Grund für Schabenbisse ist eine massive Überpopulation. Wenn eine Schabenkolonie in einem Gebäude so stark anwächst, dass die regulären Nahrungsquellen (Abfälle, Vorräte) erschöpft sind, geraten die Insekten unter enormen Überlebensdruck. In ihrer Verzweiflung erweitern sie ihr Nahrungsspektrum. Da Schaben Keratin und andere Proteine verdauen können, werden Haare, Wimpern, abgestorbene Hautschuppen und Fingernägel schlafender Menschen zu einer potenziellen Nahrungsquelle.
2. Lebensmittelrückstände auf der Haut
Schaben verfügen über hochsensible Chemorezeptoren an ihren langen, fadenförmigen Antennen, mit denen sie Nahrungsquellen über weite Distanzen riechen können [1]. Wenn Menschen mit Lebensmittelrückständen an den Händen oder im Gesicht einschlafen, zieht dies die Insekten an. Besonders gefährdet sind hierbei Säuglinge und Kleinkinder. Milchreste um den Mund herum oder süße Getränkerückstände auf der Haut können Schaben anlocken. Beim Versuch, diese Reste abzufressen, kann die Schabe versehentlich oder absichtlich in die Haut kneifen.
3. Historische und extreme Fälle
In der wissenschaftlichen Literatur sind Fälle von Schabenbissen gut dokumentiert, wenngleich sie heute in westlichen Industrienationen selten sind. Ein bekanntes Beispiel liefert Heiser (1936), zitiert in Brenner (1995), der über das "Benagen der Augenbrauen und Fingernägel schlafender Seeleute" durch Schaben auf Schiffen berichtete [1]. Auch in Krankenhäusern mit starkem Befall wurden in der Vergangenheit oberflächliche Hautverletzungen bei Patienten beobachtet, bei denen Schaben Essensreste oder Milchrückstände im Mundbereich abfraßen [1].
Achtung: Verwechslungsgefahr!
Oft werden unerklärliche Bissspuren am Morgen fälschlicherweise Kakerlaken zugeschrieben. In 95 % der Fälle in normalen Haushalten handeln es sich bei nächtlichen Bissen jedoch um Bettwanzen, Flöhe, Mücken oder Spinnen. Ein echter Schabenbiss ist ein Indikator für einen extremen, meist bereits sichtbaren Befall der Wohnung.

Welche Schabenarten sind am ehesten für Bisse verantwortlich?
Nicht alle der weltweit über 4.600 Schabenarten kommen mit Menschen in Kontakt. Von den synanthropen (dem Menschen folgenden) Arten unterscheiden sich die physischen Fähigkeiten zum Beißen erheblich.
Die Amerikanische Schabe (Periplaneta americana)
Die Amerikanische Schabe ist mit einer Körperlänge von bis zu 5,3 cm die größte der häufigen peridomestischen Schabenarten [3]. Aufgrund ihrer Größe besitzt sie die kräftigsten Mandibeln unter den Haushaltsschädlingen. Wenn es zu dokumentierten Bissen kommt, ist oft diese Art oder die eng verwandte Australische Schabe (Periplaneta australasiae) verantwortlich. Sie sind stark genug, um spürbare Schmerzen zu verursachen und die Haut sichtbar zu verletzen.
Die Deutsche Schabe (Blattella germanica)
Die Deutsche Schabe ist mit 10 bis 16 mm deutlich kleiner [4]. Sie ist der weltweit häufigste Schädling in Küchen und Gastronomien. Ihre Mandibeln sind zu klein, um intakte, gesunde Haut eines Erwachsenen tief zu durchdringen. Dennoch kann sie an feinen Härchen (Wimpern), weicher Babyhaut oder an offenen Wunden nagen, was zu Irritationen führt.
Die Orientalische Schabe (Blatta orientalis)
Diese dunkelbraune bis schwarze Schabe (22 bis 30 mm) hält sich bevorzugt in kühlen, feuchten Bereichen wie Kellern und Kanalisationen auf [5]. Da sie ein schlechter Kletterer ist und sich meist in Bodennähe aufhält, kommt sie seltener mit schlafenden Menschen in Betten in Kontakt. Bisse durch diese Art sind extrem selten.
Wie sieht ein Kakerlakenbiss aus und wie fühlt er sich an?
Da Kakerlaken keine Betäubungsmittel (Anästhetika) in ihrem Speichel haben – im Gegensatz zu Mücken oder Zecken –, ist der Biss im Moment des Geschehens oft als kurzes, scharfes Zwicken spürbar. Dies führt häufig dazu, dass die schlafende Person aufwacht und die Schabe flüchtet.
Typische Symptome eines Schabenbisses:
- Singuläres Auftreten: Im Gegensatz zu Bettwanzen, die oft in einer Reihe beißen ("Wanzenstraße"), beißt eine Schabe meist nur einmal an einer Stelle.
- Größe der Läsion: Die Bissstelle ist oft etwas größer als ein Mückenstich, misst etwa 1 bis 4 Millimeter im Durchmesser und ist leuchtend rot.
- Schwellung und Rötung: Um die Bissstelle herum bildet sich eine entzündliche Schwellung.
- Krustenbildung: Da die Schabe die Haut abrasiert oder einklemmt, bildet sich oft ein kleiner Schorf in der Mitte der Rötung.

Medizinische Folgen: Infektionsrisiko und Allergien nach einem Biss
Das Hauptproblem bei einem Schabenbiss ist nicht das physische Trauma, sondern das, was die Schabe an ihren Mundwerkzeugen und Beinen trägt. Schaben sind keine biologischen Vektoren (wie Zecken, in denen sich Erreger vermehren), sondern mechanische Vektoren.
1. Übertragung von Pathogenen
Schaben bewegen sich durch Kanalisationen, Mülltonnen und über Fäkalien. An ihrer Kutikula (Außenpanzer) und in ihrem Verdauungstrakt tragen sie eine Vielzahl von Krankheitserregern. Wissenschaftliche Studien haben mehr als 32 humanpathogene Bakterienarten auf Schaben nachgewiesen, darunter Salmonella spp., Escherichia coli, Staphylococcus aureus und Pseudomonas aeruginosa [1]. Wenn eine Schabe beißt, reibt sie diese Bakterien direkt in die frische Wunde. Dies führt sehr häufig zu starken Sekundärinfektionen, die eitern können und ärztlich behandelt werden müssen.
2. Allergische Reaktionen
Schaben gehören weltweit zu den wichtigsten Verursachern von Innenraum-Allergien und Asthma. Die allergenen Proteine (wie Bla g 1 und Bla g 2 bei der Deutschen Schabe) befinden sich im Kot, im Speichel und in den Häutungsresten (Exuvien) der Tiere [1]. Gelangt der Speichel der Schabe beim Biss in die Blutbahn oder das Gewebe, kann dies bei sensibilisierten Personen eine starke lokale allergische Reaktion (starker Juckreiz, massive Schwellung) oder im schlimmsten Fall systemische Reaktionen auslösen.
Erste Hilfe: Was tun, wenn man von einer Schabe gebissen wurde?
Sollten Sie den Verdacht haben, von einer Kakerlake gebissen worden zu sein, ist schnelles Handeln wichtig, um Infektionen zu vermeiden:
- Wunde reinigen: Waschen Sie die Bissstelle sofort gründlich mit warmem Wasser und antibakterieller Seife. Dies entfernt oberflächliche Bakterien, die die Schabe hinterlassen hat.
- Desinfizieren: Tragen Sie ein medizinisches Wunddesinfektionsmittel (z. B. Octenidin oder Povidon-Iod) auf.
- Kühlen: Um die Schwellung und den Juckreiz zu lindern, kühlen Sie die Stelle mit einem Eispad (in ein Tuch gewickelt).
- Nicht kratzen: Kratzen öffnet die Wunde weiter und treibt Bakterien tiefer ins Gewebe. Verwenden Sie bei starkem Juckreiz eine hydrocortisonhaltige Creme oder ein Antihistaminikum-Gel.
- Arzt aufsuchen: Wenn die Bissstelle heiß wird, stark pocht, sich ein roter Strich bildet oder Eiter austritt, suchen Sie umgehend einen Arzt auf. Es könnte eine Antibiotika-Behandlung notwendig sein.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Trinken Kakerlaken menschliches Blut?
Nein. Kakerlaken sind keine Hämatophagen (Blutsauger) wie Mücken oder Bettwanzen. Wenn sie beißen, dann um organische Reste (Hautschuppen, Lebensmittelreste) abzufressen, nicht um Blut zu saugen.
Sind Kakerlakenbisse giftig?
Nein, Schaben produzieren kein Gift. Die Gefahr eines Bisses liegt ausschließlich in der mechanischen Übertragung von Bakterien und Keimen, die zu Wundinfektionen führen können.
Legen Kakerlaken Eier in die Bisswunde?
Das ist ein weit verbreiteter Mythos und biologisch völlig unmöglich. Schaben legen ihre Eier in speziellen Eikapseln (Ootheken) ab, die sie in dunklen, feuchten Ritzen verstecken, niemals in lebendem Gewebe.
Wie unterscheide ich einen Schabenbiss von einem Bettwanzenbiss?
Bettwanzen beißen meist mehrfach in einer Linie oder Gruppe (sogenannte Wanzenstraße). Ein Schabenbiss ist in der Regel eine einzelne, etwas größere und schmerzhaftere Läsion, oft an Stellen mit verhornter Haut oder Lebensmittelresten.
Welche Körperstellen werden am häufigsten gebissen?
Schaben bevorzugen Stellen, an denen sich Keratin oder Essensreste sammeln. Dazu gehören Fingernägel, Wimpern, Augenbrauen, Hände und die Mundpartie (besonders bei Kindern).
Fazit
Die Frage "Beißen Schaben?" lässt sich mit einem klaren "Ja, aber..." beantworten. Kakerlaken sind anatomisch in der Lage, menschliche Haut zu benagen, tun dies jedoch nicht aus einem parasitären Trieb heraus. Ein Schabenbiss ist ein seltenes Ereignis, das fast immer auf eine extreme Überpopulation, akuten Nahrungsmangel oder mangelnde Hygiene (Essensreste auf der Haut) zurückzuführen ist. Die größte Gefahr geht dabei nicht von einem Gift aus, sondern von den zahlreichen Bakterien, die die Schabe in die Wunde reiben kann. Sollten Sie tatsächlich Opfer eines Schabenbisses werden oder Schaben in Ihrem Schlafzimmer sichten, ist dies ein unmissverständliches Alarmsignal: Der Befall in Ihrem Wohnumfeld hat ein kritisches Ausmaß erreicht. In diesem Fall ist die sofortige Konsultation eines professionellen Schädlingsbekämpfers unumgänglich, um gesundheitliche Risiken für Sie und Ihre Familie abzuwenden.
Wissenschaftliche Quellen & Referenzen
- Pospischil, R. (2010): Schaben (Dictyoptera, Blattodea) – Ihre Bedeutung als Überträger von Krankheitserregern und als Verursacher von Allergien. Denisia 30, S. 171–190. (Zitiert u.a. Heiser 1936 zu Bissen bei Seeleuten).
- Werner, D. J. (2005): Biologie, Ökologie und Verbreitung der Kugelwanze Coptosoma scutellatum in Deutschland. Entomologie heute 17, S. 65-90. (Allgemeine anatomische Referenzen zu Insektenmundwerkzeugen).
- Artenprofil: Amerikanische Schabe (Periplaneta americana). SEO-Fachtext (KI-generiert basierend auf entomologischen Datenbanken).
- Artenprofil: Deutsche Schabe (Blattella germanica). SEO-Fachtext (KI-generiert basierend auf entomologischen Datenbanken).
- Artenprofil: Orientalische Schabe (Blatta orientalis). SEO-Fachtext (KI-generiert basierend auf entomologischen Datenbanken).
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